Wie „bequem“ ist der Internetzugang in europäischen Schulen eigentlich?
- 0 comments
- 42479 Visits
- Rating






Europa ist auf dem besten Weg, eine der Regionen mit der größten digitalen Kompetenz weltweit zu werden.
Im Durchschnitt entfallen an unseren Schulen auf einen Computer ohne Internetzugang 12, auf einen Computer mit Internetzugang jedoch 24 Schüler. In 80 % der europäischen Primar- und Sekundarschulen haben Schüler Zugang zum Internet. Durchschnittszahlen spiegeln jedoch nicht die ganze Wahrheit wider. Wir sollten uns fragen, ob diese Situation wirklich „bequem“ ist.
Im Aktionsplan eEurope 2002 der Europäischen Kommission wird die „Ausrüstung aller Schulen, Lehrer und Schüler mit einem bequemen Internet-Anschluss“ gefordert. Legt man die Wörterbuchdefinition von „bequem“ als „geeignet“, „angemessen“, „praktisch“ zugrunde und betrachtet man die Situation an europäischen Schulen, so wird klar, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Breitbandtechnologien weiterhin an europäischen Schulen kaum genutzt
Obwohl Breitbandtechnologien wie beispielsweise Kabel und DSL in einigen Ländern beachtliche Erfolge verzeichnen können – so verfügt zum Beispiel jede zweite finnische und dänische sowie jede vierte niederländische Schule mit Internetzugang über einen derartigen Anschluss – werden sie im Allgemeinen an europäischen Primar- und Sekundarschulen kaum genutzt. Ein Hindernis stellen hierbei in manchen Regionen nicht nur die Kosten dar, sondern auch die Tatsache, dass der Breitbandzugang in Ballungs- und Stadtgebieten aus Gründen der Marktnachfrage einfach weiter ausgebaut ist. In vielen entlegenen und/oder ländlichen Gebieten haben die Menschen einfach keine Möglichkeit, die modernen Kommunikationstechnologien zu nutzen, die den Stadtbewohnern zur Verfügung stehen. Nachstehend einige Beispiele: In großen Teilen von Schottland, Wales und England werden auf absehbare Zeit keine terrestrischen oder drahtgebundenen Breitbandangebote zur Verfügung stehen. In Irland ist die Lage fast überall außerhalb von Dublin ähnlich. Gleiches gilt für die Bevölkerung auf den niederländischen Inseln, in Dörfern in den französischen Alpen und Pyrenäen, auf den griechischen Inseln oder fast überall in Portugal außerhalb von Porto und Lissabon…
Ländliche Gebiete als die „letzte Meile der Vernetzung“
Sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern stellt die ländliche Bevölkerung beim Zugang zu (Breitband-)Internetdiensten die „letzte Meile der Vernetzung“ (bzw. aus Sicht der Landbevölkerung die „erste Meile“) dar. Diese Regionen hinken hinterher, da die Vernetzung der „letzten Meile“ in ländlichen Gebieten einfach nicht rentabel ist. Da in den meisten Ländern aufgrund der Deregulierung und anschließenden Privatisierung des Telekommunikationssektors eine Verpflichtung als öffentlicher Versorgungsbetrieb nicht mehr besteht, werden lediglich dichter besiedelte und wohlhabendere Regionen mit schnellen Anschlüssen ausgestattet. Viele Bewohner ländlicher Gebiete mussten einfach hinnehmen, dass ihnen lediglich ein analoger Internetzugang über das Telefon oder, in einigen besonders abgelegenen Regionen, überhaupt kein Internetzugang zur Verfügung steht. Für viele Einrichtungen und Organisationen einschließlich Schulen, KMU und Telearbeitszentren wird dies allmählich immer problematischer, da sie, genauso wie die Stadtbewohner, ebenfalls einen Zugang zu Multimedia-Ressourcen aus dem World Wide Web benötigen. Es kommt nicht selten vor, dass in einer Schule 60 Netzwerk-Computer an einen Telefonanschluss mit einer Geschwindigkeit von 56 KBps angeschlossen sind.

Vernetzung für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung in ländlichen Gebieten
Gerade ländliche Gebiete können auf verschiedene Art und Weise von einem besseren Anschluss an die Außenwelt profitieren. Generell lässt sich das Internet zur Kommunikation in ländlichen Gebieten einsetzen, um so die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben zu erhöhen, Informationen zu verbreiten sowie Wissen und Kompetenzen auszutauschen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf den Bildungsbereich, wo ein Anschluss mit höherer Bandbreite den Zugang zu einer großen Vielfalt von Informations?, Ausbildungs?, Forschungs- und Bildungsressourcen (einschließlich Fernlehre-Dienste) verbessern kann, die in ländlichen und entlegenen Gebieten normalerweise nicht verfügbar sind. Ein derartiger Zugang ermöglicht es auch Jugendlichen in ländlichen Gebieten, etwas über Computer zu erfahren und Zugang zu den Technologien und Informationen zu erhalten, die auch den Stadtbewohnern zur Verfügung stehen.
Internetzugang für Schulen unter Einsatz von Satellitentechnologie
Um diese Kluft zu schließen, wurden zahlreiche Initiativen zur Erforschung des Einsatzes alternativer Technologien ins Leben gerufen. Eine derartige Initiative ist das Projekt SchoolSat in Irland. Dieser Dienst stellt Schulen im Verwaltungsbezirk Donegal, einer dünn besiedelten, entlegenen Region an der Westküste Irlands, im Rahmen des Multimedia-Programms ARTES 3 und mit der Unterstützung der Telekommunikationsabteilung der Europäischen Weltraumagentur (ESA) einen schnellen Internetzugang unter Einsatz modernster Satellitentechnologie zur Verfügung.
Derzeit liefert der SchoolSat-Dienst den Internetzugang für neun Sekundarschulen in Donegal sowie das Bildungszentrum Donegal über einen 2?Wege-Satelliten, der eine Telefonverbindung überflüssig macht. Die teilnehmenden Schulen wurden mit kleinen Satellitenschüsseln ausgestattet, über die sich Daten schneller als mit ISDN senden und empfangen lassen. Die teilnehmenden Schulen reichen von der größten Sekundarschule in Irland, der Carndonagh Community School auf der Halbinsel Inishowen mit mehr als 1300 Schülern, bis hin zu der kleinen Berufsschule Gaeltacht auf der Insel Arranmore mit lediglich 46 Schülern. In aktuellen Diskussionen mit politischen Entscheidungsträgern ist die Erweiterung des Dienstes auf weitere Schulen im Verwaltungsbezirk für die nächste Zeit geplant. „Zum ersten Mal“, so Colm Toland, ein Lehrer der Schule in Carndonagh, der an dem Projekt teilnimmt, „können ganze Klassen das Internet zur gleichen Zeit nutzen. Dies war in der Vergangenheit einfach nicht möglich“. George McMullin, ein anderer Lehrer, der an dem Projekt teilnimmt, erläutert einen weiteren Vorteil dieses Dienstes: „Die Schüler werden nun „fit fürs Internet“ sein, wenn sie die Schule verlassen, um eine Hochschule zu besuchen oder zu arbeiten“.
Dies ist nicht die einzige Bildungsgemeinschaft, für die Satellitentechnologie zur Überwindung geografischer Grenzen eingesetzt wird. Während des – im Juli 2001 abgeschlossenen – Projekts Sat & Clic in Frankreich wurden beispielsweise Bildungssendungen im Fernsehen, Multimedia-Ressourcen und Websites an mehr als 200 Schulen übertragen. In England können Primar- und Sekundarschulen über den ESPRESSO-Dienst Computerdateien via Satellit herunterladen. Die Daten werden via ASTRA-NET einmal wöchentlich direkt an die ESPRESSO-Box der Schule gesendet. Die Schulen empfangen die Übertragungen über ihre eigene Satellitenschüssel. Die übertragenen Inhalte ändern sich wöchentlich und bieten sowohl Lehrern als auch Schülern Multimedia-Ressourcen. Sie enthalten hauptsächlich Videomaterial sowie eine spezielle Auswahl von Websites, die den Lernprozess anregen und fördern sowie Ereignisse aus der realen Welt ins Klassenzimmer bringen sollen, wobei der Schwerpunkt auf deren Relevanz für den Lehrplan liegt.
Letztlich müssen wir stets eines bedenken: Obwohl europäische Bürger in einem globalen Dorf leben, so ist es doch ein Dorf mit privilegierten Bewohnern, die Zugang zu Informationen haben, und vielen weniger privilegierten Bewohnern, die keinen Zugang zu Informationen haben. Mit den neuen Technologien wie beispielsweise denen, die durch die Fortschritte bei der Satellitentechnologie möglich wurden, kann man in zunehmendem Maße den Informationszugang wechseln, ungeachtet des Ortes, an dem die Menschen leben, lernen oder arbeiten. Wir können uns nicht länger damit herausreden, die Technologie für einen gleichen Zugang für alle europäischen Bürger sei nicht verfügbar, sondern müssen anerkennen, dass die Gefahren, die durch die Ausgrenzung von Menschen, insbesondere von Kindern, von der digitalen Revolution schwerer wiegen als kommerzielle Einschränkungen.

Ansprechpartnerin
Helena Bijnens
E-Mail: helena.bijnens@atit.be
AtiT-Website
This item has not yet been commented.


