Ist die Rolle des Lehrers als „Wissensautorität“ in einer IKT-Lernumgebung in Gefahr?
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Es ist allgemein anerkannt, das die Rolle des Lehrers die Weitergabe von Informationen, die Führungsrolle bei Aktionen der Schüler und die Eigenschaft als Fachexperte beinhaltet, der über die Kenntnis fest umrissener und präziser Inhalte verfügt, die von den Schülern zu erreichen sind. Wie ändert sich diese Rolle?
In Verbindung mit dem Einsatz des Internets und anderer Multimedia-Ressourcen ist in den meisten IKT-basierten Lernumgebungen die Rolle des Lehrers als „Wissensautorität“ bzw. als Vermittler von Informationen in Gefahr, wenn in großem Umfang andere Informationsquellen als diejenigen eingesetzt werden, die vom Lehrer kommen. Der Lehrer ist verstärkt als Lernberater tätig: „Als ich Internet und Multimedia einsetzte, musste ich meinen Unterrichtsstil ändern; doch Kollegen, die ihren traditionellen Stil beibehalten wollten, hörten einfach auf.“
Als herausragende Lehrerrollen wurden ermittelt:
Der Lehrer als Lernender im Klassenzimmer: Lehrer akzeptieren, dass sich Schüler auf bestimmten Gebieten besser auskennen, und waren bereit, mit und von ihnen zu lernen: „Sehr oft wurden die Rollen zwischen Lehrer und Schüler getauscht, insbesondere dann, wenn der Schüler beim Einsatz der neuen Technologie erfahrener war.“ Ein derartiger kooperativer Ansatz führt zum Erwerb von IKT-Kompetenzen durch beide Akteure.
Der Lehrer als Betreuer. Von den vielen Rollen, die den Lernprozess unterstützen, ist die Betreuerrolle allgemein anerkannt. Die Rolle des Betreuers ist mehr als die des Fachexperten, der Lernaktivitäten vermittelt, Probleme löst und die Inhalte aktualisiert.
So erleichtert beispielsweise der Betreuer bei Online-Diskussionen die Kommunikation, wobei sich nachstehende Betreuerrollen unterscheiden lassen:
Der Betreuer als Modellierer, was eine Persönlichkeit voraussetzt, die den Lernenden durch das Herstellen von Material und Situationen zu aktivem Lernen anregt.
Der Betreuer als Trainer, Berater, Schiedsrichter, Bewerter und „telefonischer Auskunftsdienst“.
Der Betreuer als Stütze, was stärker auf eine Anleitungs- und Überwachungsaktivität hinausläuft, durch die er die Parteien als Manager, Dienstanbieter oder Makler zusammenbringt.
Der Lehrer in der Kooperation mit Schülern. Bei vielen IKT-Aktivitäten besteht die Lernstrategie aus projektbezogenem Lernen. Bei derartigen Aktivitäten sind die Lehrer im Allgemeinen gegenüber den Schülern gleichgestellt.
Der Lehrer als Entwickler. Der Lehrer entwickelt Lernmaterial hauptsächlich im elektronischen Format oder liefert professionellen Entwicklern Beiträge.
Der Lehrer als Forscher. Bei der Lehrerfortbildung besteht der Trend, das Auftreten des Lehrers als Forscher bei seinen eigenen Bildungserfahrungen als eine Möglichkeit zu fördern, die im Klassenzimmer angeregten Innovationen zu reflektieren und zu verinnerlichen. Da IKT-Instrumente und ?produkte an vielen schulischen Innovationen beteiligt sind, können Lehrer alleine oder als Partner von Bildungsforschern die Forschungsergebnisse dazu nutzen, zur Planung und Verbesserung der Lernerfahrungen der Schüler mit IKT beizutragen und diese an deren Bedürfnisse im Rahmen des Lehrplans der Schule anzupassen.
Der Lehrer als lebenslanger IKT-Trainee. IKT-Kompetenz ist der erste Schritt bei der Lehrerfortbildung. Die an Innovationen aller Art und insbesondere an Innovationen unter Einsatz von IKT beteiligten Lehrer sind eher zur Umschulung bei pädagogischen und technischen Innovationen bereit.
Der Lehrer als Mitglied eines Lehrerteams. In verteilten virtuellen Klassenzimmern sind Lehrer „Mitglied eines Lehrerteams“ und handeln nicht mehr nur als Einzelpersonen. Dies hängt mit der Komplexität kooperativer Kurse wie beispielsweise internationaler Kurse bzw. anderer Arten verteilter Lernumgebungen zusammen.
Die Rollen der Lehrer und Schüler sind voneinander abhängig. Wenn der Lehrer die Rolle als Moderator, Betreuer usw. einnimmt, müssen die Lernenden eigenständig werden und sich aktiv um die einschlägigen Informationen bemühen. Die Rolle eines eigenständigen Schülers ist die logische Konsequenz einer weniger richtungweisenden Rolle des Lehrers. Dadurch nimmt der Grad der Verantwortung der Schüler beim Lernen zu.
Die Schülerrollen dürften sich richten nach: a) dem im Klassenzimmer eingesetzten pädagogischen Ansatz, b) den vom Lehrer eingenommenen Rollen, und c) den Mitschülern. Zu einigen dieser ermittelten Rollen gehören:
Der Schüler als Lehrer. Soziales und aktives Lernen lässt sich durch den Einsatz von IKT fördern; neue pädagogische Konzepte versetzen Schüler in die Lage, die Rolle des Lehrers als eines beim Lehr- bzw. Lernprozess stärker aktiv Beteiligten zu begreifen.
Der Schüler als Mitarbeiter. Bei projektorientierten Bildungsaktivitäten arbeiten Schüler mit anderen Schülern und dem Lehrer zusammen. Diesem wichtigen Aspekt gilt es beim E?Learning Rechnung zu tragen, wenn der Betreuer die Isolierung der individuell online arbeitenden Schüler durchbrechen will.
Der Schüler als Mitwirkender. Schüler wirken in einem Team mit, in dem sie verschiedene Gruppenrollen übernehmen (beispielsweise Anführer, Experte, Moderator, Unterstützer, Dokumentar usw.).
Generell übernehmen Schüler eine aktivere, motiviertere, tiefer gehende und stärker selbstregulierende Lernrolle. Dabei kommt es verstärkt zu kooperativem anstatt individuellem Lernen. Die Lehrer gehen im Allgemeinen von einer traditionellen Rolle zu der eines „Lernvermittlers“ über. Gleichwohl beschränken sich diese Veränderungen im Allgemeinen auf Lernsituationen unter Einsatz „offener“ IKT-Anwendungen wie interaktive Bildungsprogramme, Einsatz des Internets als Informationsquelle usw.Die Verfasser beteiligen sich an dem von der Europäischen Union finanzierten Konsortium „Überwachung und Bewertung der Forschung bei Lerninnovationen“ (Monitoring and Evaluation of Research in Learning Innovations) (MERLIN-Konsortium), Schlüsselaktion Verbesserung der sozio-ökonomischen Wissensgrundlage.
Dieser Text ist ein Auszug aus Kapitel 3.1 des Artikels „Kritische Indikatoren innovativer Praktiken bei IKT-gestütztem Lernen“, vorgetragen auf der Prometeus-Konferenz (PROMETEUS Conference) vom 29./30. September 2002 in Paris.
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